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Spiel wird
unterschätzt: Das freie, spontane Spiel wird oft als
nutzlose, weil scheinbar lernfreie Zeit unterschätzt. Erst wenn der Erwachsene im
Mittelpunkt steht, etwas anleitet und vormacht, wird richtig gelernt. Ein Kind, oder
allgemein, ein Mensch, scheint nach landläufiger Auffassung erst dann zu
lernen, wenn er mit einer Art "Nürnberger Trichter" gefüllt wird. Ein
Beleg dafür sind die übermäßig vielen Kurse und Angebote, bei denen
Kindern möglichst frühzeitig etwas vermittelt werden soll.
Das Gegenteil ist der
Fall: Kinder lernen aus sich heraus von Anfang ihres Lebens an.
Sie bringen die dafür erforderlichen Dispositionen mit auf die Welt.
Schon Säuglinge sind kompetente Menschen, die selbsttätig lernen, sich
von sich aus forschend die Welt aneignen, bzw. die Welt in sich kreieren,
und dabei ihre Umgebung aktiv beeinflussen. Kein Mensch bringt kleinen
Kindern das Laufen bei, das lernen sie von selbst. Niemand kann Kindern
das Sprechen erklären. Diese Fähigkeit bringen sie sich nach dem "Trial
& Error" Prinzip in einem bewundernswerten und unermüdlichen
Aneignungsprozess selbst bei. Diese Beispiele lassen sich mühelos fortsetzen.
Die Erkenntnis, dass junge Menschen nicht mit Wissen gefüttert werden
müssen, um zu ihrem Lernen zu kommen, ist keineswegs neu. Goethe
sprach davon, dass die Jugend nicht belehrt, sondern angeregt sein wolle.
Der Erfinder der Kindergärten, Friedrich Fröbel, wollte, dass Kinder
ihren Fragen nachgehen können und wollte damit ihre Lernprozesse unterstützen.
Maria Montessori weist mit ihrem Credo: "Hilf mir, es selbst zu
tun." auch auf die Selbsttätigkeit des Kindes hin. Heute weiß
man auf Grund neurobiologischer Forschungen, dass Kinder sich die Welt
durch Eigenaktivität mit allen Sinnen aneignen, das heißt genauer, konstruieren
müssen. Dabei kommen ihnen ihre Neugier und Lernlust, ihr Lernwille
und ihr unbändiger Wunsch, die Welt bis ins Detail zu erforschen, entgegen.
Würden Kinder in dem Tempo der ersten Lebensjahre weiter lernen,
wären wir alle Genies. Die Frage, die uns Pädagogen nachhaltig bewegen
muss, ist, weshalb diese Leistung im wenigen Jahren so deutlich nachlässt?
Das ist sicher nicht nur die Folge neurobiologischer Entwicklung - obwohl
die eine sehr große Rolle spielt - sondern immer auch abhängig
vom Umfeld und von den dargebotenen Möglichkeiten.
Bei der Umkehrfrage, was zu tun ist, damit die Motivation zu lernen möglichst lange
hält, rückt für den Kindergarten das so genannte Freispiel in einer gut
vorbereiteten Umgebung (Settings) besonders in den
Vordergrund. Begleitetes Freispiel, bei dem der Erwachsene im
Hintergrund präsent ist und die Kinder das Geschehen eigenständig ausfüllen,
ermöglicht viele Erfahrungen, die die Lust am Lernen fördern und am Leben
erhalten.
Nur in dieser Zeit
bekommt ein Kind den unmittelbaren Eindruck, aus eigenem Antrieb
heraus wirksam zu sein. Diese Erfahrung, aus den innersten Impulsen
heraus etwas zu bewirken und für dieses Tun die uneingeschränkte Anerkennung
und Bestätigung durch Erwachsene - die sich in ihrem Vertrauen und in
den Möglichkeiten, die den Kindern eröffnet werden, ausdrückt - zu
bekommen, bestätigt die ernsthafte Auseinandersetzung zur Aneignung von
Welt. Dieses beantwortete Wirken erst ermöglicht den Aufbau eines
positiven Selbstkonzeptes, fördert den Mut Neues zu lernen und sich auf
weitere Erfahrungen
einzulassen.
"Ein positives
Selbstbild kann sich nur herausbilden, wenn der Erfolg einer Handlung
als selbst verursacht und nicht zufallsbedingt oder fremdbestimmt erlebt
wird. Aus diesem Grund ist das Bereitstellen von Situationen, in denen
das Kind selbständig aktiv handeln kann von großer Wichtigkeit."
Lernen wird erst komplett, wenn Kinder die Gelegenheit haben,
ihre inneren Strukturen ihren neuen Erfahrungen und
Erlebnissen anzugleichen. Sie müssen ausdrücken
und im Spiel nachvollziehen und nacherleben können, was sie beeindruckt
hat. Damit Informationen und Impulse richtig verarbeitet und
Lernprozesse wirklich abgeschlossen werden können, brauchen Kinder Zeit
für von außen ungelenktes Spiel.
Im Freispiel wird zudem
nach dem "Versuch und Irrtum" Verfahren, ohne eine
Wertung von außen und ohne Sorge vor Fehlern weiter
geforscht.
In diesen freien Situationen lässt sich gut "so tun als ob", also
nachspielen, was erlebt und erfahren wurde und dabei etliche Variationen (was wäre,
wenn ...)
durchspielen, probeweise in die Rolle anderer schlüpfen usw.. Hier
entstehen kreative Lösungen für die Fragen der Kinder. Hier entstehen
neue Fragen zum Verständnis von Welt.
Während in den
Angebotsgruppen Erwachsene etwas zeigen wollen (was die Kinder natürlich
vorher für sich ausgewählt haben), handeln die Kinder im Freispiel
spontaner in einem vielfältigen und differenzierten Raum- und
Materialangebot. Sie entscheiden dabei, ob die Gruppe zu der sie gerade
gehören oder die Sache, mit der sie sich gerade beschäftigen, ihrem Interesse entspricht, ob also soziale
Lernprozesse oder Sachfragen Gegenstand ihrer Forschungsbemühungen sind.
Sie sind mit ihrer Aufmerksamkeit immer da, wo ihre Lerninteressen liegen und bringen nach ihrem
Tempo und ihren Erkenntnisstand ihre Entwicklung voran. Sie sorgen so
mit für ihre Zufriedenheit und ihr Lebensglück.
Hinweis: Für die Kinder
ist die Angebotszeit oft nicht abgeschlossen. Sie sollen auch im
Freispiel die Gelegenheit haben, die neuen Impulse weiter zu
verarbeiten. Material, Werkzeug und Möglichkeit stehen ihnen im
Freispiel also meist noch offen. So können sie ihre neuen Erfahrungen
vertiefen, eigene Experimente machen und Ideen verfolgen. Andere Kinder
kommen hinzu und es bildet sich eine neue Lerngemeinschaft gleich
interessierter Kinder.
Während sich ein Kind in
der Angebotszeit überwiegend auf die Erzieherin und ihre Impulse
einlässt, werden im Freispiel die Kinder wichtiger. Jetzt
ist Zeit für die eigenständige Beziehungsgestaltung. Die Kinder lernen miteinander umzugehen sich
durchzusetzen, Hierarchien anzuerkennen (was übrigens oft viel besser ohne
den Erwachsenen mit seinem "Sinn für Gerechtigkeit" geht) und
Konflikte auszutragen. Das Gefühl, in einer Gruppe gleichaltriger klar
zu kommen, sich zu behaupten, Anteil zu nehmen und gemeinsam Interessen
zu verfolgen, macht Mut und Lust auf die Welt mit ihren
Herausforderungen und Abenteuern, die es in einem Team gleich gesinnter
emotional gefüllt zu erleben gilt.
Ein Kind macht so die Erfahrung seinen Kräften und Fähigkeiten
unabhängig vom Erwachsenen zu vertrauen.
Im Freispiel entstehen oft kleine Gruppen
von Kindern, die sich über einen Zeitraum mit einer Sache, einem Thema
beschäftigen. Bei der Beobachtung dieser Gruppen und dem interessierten
Belauschen ihrer Gespräche, können wir feststellen, dass diese Kinder
fragend, forschend, diskutierend, streitend, handelnd und nachahmend
ihren Fragen gemeinsam nachgehen. Dies geschieht mit dem Ziel, hinterher
mehr zu wissen, mehr zu können. Sie bilden - oft nur für kurze Zeit -
Lernteams mit anderen Kindern. Ist eine Frage zur Genüge beantwortet,
ein Thema vorläufig abgehandelt, lösen sich diese Gruppen wieder auf und
die Kinder wenden sich anderen Lerngemeinschaften zu. Lerngemeinschaften
sind für uns Kindergruppen, die eine Zeitlang die gleichen Interessen
und Fragen verfolgen. Dabei geht es oft nicht allein um das Thema. Immer
ist soziales Lernen mit im Spiel. Immer auch lernen Kinder die Balance
zwischen Selbstbehauptung, Durchsetzungsvermögen und Konkurrenz auf der
einen, und Rücksichtnahme, sich einlassen und Kooperation auf der
anderen Seite. Für uns wird deutlich, wie sehr Kinder andere Kinder für
ihr Lernen brauchen.
© Th. Kühne |