Thomas Kühne, Gerhard Regel
Auszug aus Kap. 1
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Bildung
im offenen Kindergarten Annäherung
an ein Thema im Gespräch G.
R.
Wir haben uns entschieden, mit der Darstellung offener Arbeit ein
weiteres Praxisbuch[i]
vorzulegen und sind auf den Begriff Bildung gekommen. Tun wir mit der
Aufnahme dieses Begriffes etwas Sinnvolles oder folgen wir hier nur
einem Zeitgeist, weil alle Welt von Bildung spricht oder über Bildung
schreibt? Was ist gut daran, Kindergartenpraxis im offenen Kindergarten
als Bildungsgeschehen darzustellen? Th. K.
Wir arbeiten nun schon mehr als 10 Jahre an der Verwirklichung unserer
Idee vom offenen Kindergarten und haben bisher sehr viel dafür getan,
Kinder in ihrer Entwicklung zu fördern. Alle Vorstellungen, vom
Raumprogramm über die Zeit- und Kleingruppenstruktur des Kindergartens
bis hin zur Wahl unserer Angebote wurden auf die bestmögliche
Entwicklung eines Kindes hin ausgerichtet. Ergänzt wurde dieser Ansatz
in den vergangenen Jahren durch die erlebnisorientierte Projektarbeit.
Der Begriff Bildung gerät jetzt mehr in den Blick, weil uns die Kinder
mit ihrer „Lust auf Welt“ dementsprechend herausfordern. Sie wollen
mehr von uns. Wenn sie sich wohl fühlen, die Räume drinnen und draußen
erobert haben, im handelnden Lernen die Möglichkeiten, die sich ihnen
in unserem Kindergarten bieten ausschöpfen, dann bleibt die Frage: Was
gibt es noch? Erlebnisorientierte Projekte sind ein
Ansatz, lernen und sich bilden zu erweitern. G. R.
Es ist richtig. Wir haben mit dem Thema Projekte inhaltliche Arbeit
aufgezeigt und erlebnispädagogische Akzente gesetzt. Wir sind dabei
jedoch viel zu wenig der Frage nachgegangen, was die Inhalte im Blick
auf die kindliche Entwicklung bewirken und bedeuten sollen. Natürlich
ist ein erlebnisvolles und lustbetontes Lernen eine tolle Sache. Die
dabei vermittelten Inhalte und deren Wichtigkeit für das persönliche
und gesellschaftliche Leben bleiben jedoch beliebig, wenn sie nicht
unter bestimmten Gesichtspunkten ausgewählt werden. Ein schönes
Beispiel sind Deine erweiterten Ausführungen über das Waldprojekt
unter dem Aspekt der Bildung in diesem Buch. Eure Jahr für Jahr
veranstaltete Waldwoche[ii]
hat mich begeistert. Ihr wart mit den Kindern draußen und habt ihnen Möglichkeiten
eröffnet, die Natur als Teil ihres Lebensumfeldes kennenzulernen. Eine
Waldwoche kann mit zufälligen oder bewusst gewählten Inhalten durchgeführt
werden und hat von daher unterschiedliche Qualität. Bildung kann so
oder so sein. Wird Bildung vielleicht heute zu einem Thema, weil der
Anspruch einer Qualitätsentwicklung von außen an den Kindergarten
herangetragen wird? Th. K.
Für mich bleibt als treibende Kraft der Impuls, der von den Kindern
ausgeht. Ein Qualitätsmerkmal ist dann der Prozess, den wir mit den
Kindern gehen, und wie wir uns auf ihre Entwicklungs- und Bildungsbedürfnisse
einlassen und sie bei ihren Lernanstrengungen begleiten. Das hat mit der
Vorstellung zu tun, wie Bildung geschieht. Dabei müssen die Kinder
zugleich als Gegenüber erwachsene Menschen erfahren, mit ihrem Wissen,
ihren Werten und Bedeutungen, mit den Angeboten kultureller Inhalte.
Hier besteht für mich kein Widerspruch. Im Gegenteil. Kinder
sind auf uns angewiesen. Sie brauchen uns als Modelle, für Anleitung
und Beratung und sie wollen Information, um sich orientieren zu können.
Kinder sollten nicht allein gelassen werden bei ihren Interaktionen mit
der Welt. Klar ist, dass wir inzwischen als Bildungseinrichtung in der
gesellschaftlichen Öffentlichkeit mehr und mehr in einen
Verteidigungskampf kommen, weil dem Kindergarten die Fünfjährigen
genommen werden sollen und der Kindergarten mehr und mehr als
Warteschleife für den beginnenden „Ernst des Lebens“, die Schule,
gesehen wird[iii].
Ich
denke, der Kindergarten kann sich auch im Blick auf Bildung sehen
lassen, jedoch besteht darüber in der Öffentlichkeit und auch bei den
pädagogischen Mitarbeiterinnen viel zu wenig Bewusstheit. Richtig
gelernt wird nach landläufiger Meinung erst in der Schule. Der
Kindergarten stellt eine Art Schonraum dar. Das
es nicht so ist, und dass im Kindergarten vielfältiges Lernen und
Entwicklungsförderung auf allen Ebenen stattfindet, wissen alle, die
sich intensiver mit der Elementarpädagogik befassen. Dennoch gilt für
mich, dass der Kindergarten noch mehr für die Bildung der Kinder tun
kann, wenn er sich dieser Aufgabe annimmt und sich der Kindergarten
nicht überwiegend als Wohlfühlraum, sondern sich zudem noch verstärkter
als Lern- und Bildungsraum versteht. Wir sind mit dem offenen
Kindergarten, für den ich hier nur sprechen kann, auf einem guten Weg
und haben schon viel erreicht. G. R. Das
habe ich immer wieder in offenen Kindergärten wahrgenommen und
gleichzeitig scheint mir die Beschäftigung mit dem, was Bildung ist
oder sein könnte, überfällig. Vor über 30 Jahren hat der Deutsche
Bildungsrat beschlossen, dass unser Bildungssystem mit der
Elementarstufe beginnen soll und diese einen eigenständigen
Bildungsauftrag hat. Mit der Neufassung des KJHG von 1990 wurden dann im
§ 22 Grundsätze der Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen
festgelegt, wobei als Aufgaben die Betreuung, Bildung und Erziehung des
Kindes genannt sind [iv]. Darüber hinaus soll in
den Kitas die Entwicklung, zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen
Persönlichkeit gefördert werden. Interessant ist in diesem
Zusammenhang, dass im Kurzkommentar zum KJHG[v]
keinerlei Ausführungen über den Auftrag des Kindergartens gemacht
werden. Eigentlich ist es unverständlich, dass die Beschäftigung mit
dem Thema Bildung erst jetzt richtig in Gang kommt. Th. K.
Als ich vor 18 Jahren in die Kindergartenarbeit einstieg, begann in der
Einrichtung in der ich damals arbeitete der Ausstieg aus der sog.
Vorschularbeit mit ihren Arbeitsblättern und didaktischen Einheiten.
Die Mitarbeiterinnen hatten wahrgenommen, dass sie die Kinder damit
nicht erreichten und an ihnen vorbei arbeiteten. Stattdessen sollte das
freie Spiel, die Lust am Tun, sowie Selbständigkeit, Initiative und
Verantwortungsgefühl gestärkt und unterstützt werden. Wir wollten
Lebensmut, Selbstvertrauen und Ich - Stärke fördern. Diese Absichten
brachten den Kindern wesentlich mehr Freiräume für ihre Entscheidungen
und mehr Platz, um ihren individuellen Bedürfnissen nachzugehen. Wir
wollten den Kindern gerecht werden und dazu mussten wir erst einmal klären,
welches Bild vom Kind in unseren Köpfen spukte und was unsere
Vorstellungen mit den „wirklichen Kindern“ zu tun haben. Wir
erkannten, dass unsere bisherigen Vorstellungen die Möglichkeiten eines
Kindes begrenzten und so war es folgerichtig, den Rahmen für kindliche
Entwicklung zu erweitern und mehr und mehr den Kindern zu folgen und
dabei auftretende Ängste und Vorurteile zu bearbeiten und abzubauen. Damals
wollten wir viel Spiel, freies Spiel und dachten, Spiel- und vielfältige
Bewegungsmöglichkeiten seien ausreichend, um eine gute Entwicklung zu fördern.
Erneute Probleme in der Praxis forderten immer wieder Veränderungen
ein. So brachten uns zum Beispiel, die sich langweilenden älteren
Kinder dazu, erlebnisorientierte Projekte zu entwickeln. Jetzt
stehen wir vor der Situation, dass die Kinder noch mehr wollen, das es
weitergehen muß. Ich erlebe, dass die Kinder freier geworden sind. Sie
nehmen die vielfältigen Möglichkeiten, die sich ihnen in diesem
offenen System bieten, gern an. Oft habe ich den Eindruck, diese
Herausforderung zum Selbsttätig sein, diese Gelegenheit, wirklich
Akteur in einem vergrößerten Rahmen sein zu können, lässt die Kinder
sich schneller entwickeln. Wir tun für den Bereich der Herausbildung
der Persönlichkeit sehr viel, in dem wir der Autonomie der Kinder viel
Raum geben, dem selbständigem und eigenverantwortlichem Handeln eine
sehr hohe Priorität einräumen und in dem wir den Tätigkeiten der
Kinder eine hohe Wertschätzung entgegenbringen. Aber diese Persönlichkeiten,
die wissen, was sie können und was sie wollen, fordern mehr
Informationen, mehr Wissen von uns. Das ist gut zu erkennen, wenn wir
zum Beispiel das Waldprojekt veranstalten. Erzieherinnen müssen sich
gut vorbereiten, um auf die Fragen der Kinder antworten zu können. Aus
dem Spaziergang ist eine Exkursion, eine Forschungsreise geworden. Auch
im Kindergartenalltag reichen aus dem Ärmel geschüttelte Angebote
nicht aus, um auf Dauer das Interesse der Kinder zu wecken. Wenn ich
beobachte, was den Kindern angeboten wird, reicht das Angebotsniveau häufig
aus, um 3- 4 jährige Kinder mit wirklichen Herausforderungen zu locken.
Aber auch für die älteren Kinder müssen anspruchsvolle,
herausfordernde und in jeder Hinsicht spannende Angebote gemacht werden.
Hier tun wir uns immer noch schwer, weil Erzieherinnen noch nicht in dem
Maße Fachfrauen mit einem Spezialgebiet sind, wie es sicher sinnvoll wäre,
um fundierte Informationen, Techniken usw. weiterzugeben. Das
Thema Bildung ist jetzt aus der Binnensicht „dran“, weil ich sehe,
dass die Kinder mehr Bildung wollen. Bildung, die neben der Persönlichkeitsbildung
auch als Wissensvermittlung verstanden wird, also als Teil eines
ganzheitlichen Bildungsprozesses, der natürlich soziale, emotionale,
sensomotorische und kognitive Bildungselemente umfaßt. G. R. Ich
denke, es gehört auch zu unserer Verantwortung, der Frage nachzugehen,
was ein Kind für die Zukunft braucht an Kompetenzen oder Schlüsselqualifikationen
oder, wie es modern heißt, an Weltwissen. Was kann der Kindergarten in
diesem Zusammenhang für die Zukunft der Kinder bedeuten? [i]
Inhalte und Form der Arbeitsansätze im offenen Kindergarten wurde
in folgenden Büchern beschrieben: Offener Kindergarten konkret. Veränderte
Pädagogik in Kindergarten und Hort. Gerhard Regel /Axel Jan
Wieland, Hrsg. Hamburg 1993 Erlebnisorientiertes
Lernen im offenen Kindergarten. Projekte und Arbeitsansätze aus der
Praxis für die Praxis. Thomas Kühne / Gerhard Regel Hrsg. Hamburg
1996 [ii]
Im Buch: Erlebnisorientiertes Lernen im offenen Kindergarten wird
dieses Projekt ausführlich beschrieben. (EB Verlag Hamburg 1996,
dieselben Herausgeber) [iii]
Der Lernort Kindergarten scheint sich nicht im Bewußtsein der
Politiker etabliert zu haben. Deshalb tauchen in der Öffentlichkeit
immer wieder entsprechende Diskussionen um eine frühere Einschulung
auf. Im Bundesland Niedersachsen gibt es zum Beispiel seit Jahren
Ansätze Kinder schon früher einzuschulen, mit der durchgängigen
Argumentation, die Fünfjährigen seien oft besonders lernbereit.
Man fragt sich zwangsläufig, welche Rolle dem Kindergarten
zugedacht wird. Ein Aufbewahrungsort, eine Verwahrstätte?
Zum Thema Einschulung schon mit fünf Jahren hat der FDP
Politiker Möllemann in der „Berlinder Morgenpost online“ zur
Zeit wieder dafür plädiert, schon die Fünfjährigen einzuschulen.
„Mit kindgerechten pädagogischen Konzepten kommt man den Kindern
in ihrer Lernbegierigkeit, die sie in diesem Alter zweifellos haben,
ganz sicher entgegen“ sagte er. Quelle: Internet, Okt. 1999. [iv]
§ 22 Grundsätze zur Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen [v]
In Kindergärten, Horten und anderen Einrichtungen, in denen sich
Kinder für einen Teil des Tages oder ganztags aufhalten,
(Tageseinrichtungen) soll die Entwicklung des Kindes zu einer
eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit gefördert
werden. Die
Aufgabe umfaßt die Betreuung, Bildung und Erziehung des Kindes. Das
Leistungsangebot soll sich pädagogisch und organisatorisch an den
Bedürfnissen der Kinder und ihrer Familien orientieren.... Kurzkommentar
zum Kinder- und Jugendhilfegesetz. Möller/Nix Hrsg. Weinheim 1991.
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